Unser fünfter Kongress "Der Beitrag von Elterninitiativen und ‑vereinen zur erfolgreichen Berufsorientierung von Jugendlichen"

2011-10-04

Unser fünfter Kongress

Zielsetzungen des 5. MIGELO-Kongresses

Beim Übergang von der Schule in den Beruf hat die Phase der Berufsorientierung in den letzen Jahren eine immer größere Beachtung erfahren. Aus vielen Studien und auch der Praxis ist bekannt, dass Eltern hierbei eine herausragende Rolle spielen können. Dies gilt verstärkt noch in vielen Migrantenfamilien. Auf der Tagung sollte gezeigt werden, welche sinnvollen und wichtigen Aufgaben sie an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf für ihre Kinder übernehmen können. Projektbeispiele aus der Praxis veranschaulichten die Wirksamkeit einer aktiven Elternarbeit.

Dieser Kongress wollte ein wichtiges Signal geben. Aufbauend auf einer Gesamtanalyse sollten konkrete Schritte für eine stärkere Aktivierung von Migranteneltern verabredet werden. Der neu gegründete Bundesverband russischsprachiger Eltern (BVRE) stellte dazu sein Programm vor und lud Organisationen und Initiativen zur Partizipation ein. Zusammen sollten von Dresden aus bundesweite Aktivitäten gestartet werden mit dem Ziel, Migranteneltern stärker einzubinden, um die Übergänge der Kinder und Jugendlichen in das Erwerbsleben zu verbessern.

Der Kongress ist Teil des Projektes MIGELO (Migranten-Eltern-Lotsen). Es zielt darauf ab, zugewanderte russischsprachige Eltern in ihren Erziehungskompetenzen zu stärken und sie zu befähigen, sich in Initiativen zu organisieren und für die Belange und Interessen ihrer Kinder besser einzusetzen. Die Integrationschancen der nächsten Generation in die Gesellschaft insgesamt und besonders in die Ausbildung und den Arbeitsmarkt sollen dadurch verbessert werden.

Teilnahme und Resonanz

Insgesamt kamen zu der Veranstaltung 198 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, überwiegend aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Erwartungen der Veranstalter hatten sich damit erfüllt. Insbesondere die Teilnahme der vielen Migrantenorganisationen aus dem gesamten Bundesgebiet war geglückt.

MIGELO-Kongress mit lokalem Partner organisiert

Das MIGELO-Projekt hatte sich entschlossen, diese Tagung an einem Standort in Ostdeutschland abzuhalten. Durch die schon im Laufe des Projektes entstandene enge Zusammenarbeit mit dem Ausländerrat Dresden e.V. konnten die Tagungsinhalte und die Organisation gemeinsam entwickelt und durchgeführt werden. Diese Kooperation hat sich als sehr erfolgreich erwiesen. Ein Zweck dieser Veranstaltung war es auch, die lokale Politik einzubeziehen und das Thema Elternarbeit vor Ort zu stärken.

Ablauf

Prof. Dr. Martin Gillo, Sächsischer Ausländerbeauftragter, richtete ein erstes Grußwort an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses. Er betonte insbesondere die wichtige Rolle der Eltern als Vermittler von Werten und stellte eine Initiative der Landesregierung vor, die dazu beitragen wird, eine neue Willkommenskultur aufzubauen.

Dr. Uta Kruse, Integrations- und Ausländerbeauftragte der Landeshauptstadt Dresden, begrüßte im Anschluss, dass Dresden als Tagungsort von MIGELO gewählt worden war. Ausländer sind auch in der Landeshauptstadt von Arbeitslosigkeit stärker betroffen und ihre Ausbildungsbeteiligung ist geringer. Sie erhofft sich von der Tagung neue Impulse auch für die städtischen Integrationsbemühungen.

Hans Georg Hiesserich, der stellvertretend für Dr. Lemper, den geschäftsführenden Vorsitzenden der Otto Benecke Stiftung e.V. (OBS) ein Grußwort aussprach, hob die beiden Strategien „baut Netzwerke“ und „mischt euch ein“ als Bedingungen einer erfolgreichen Integration hervor. Ohne diese Selbsthilfeaktivitäten kann es nicht gelingen. Die OBS hat sich mit PHOENIX-Köln gemeinsam auf diesen nicht immer einfachen Weg begeben. Gerade die Zusammenarbeit von zwei sehr unterschiedlichen Partnern „auf Augenhöhe“ führte zu hohen Lerneffekten ‑ auf beiden Seiten.

Georgi Starikovich, 1. Sekretär der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin, wünschte dem Kongress und dem Anliegen der Veranstalter in seiner Ansprache viel Erfolg. Seine Regierung habe ein hohes Interesse an einer Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Organisation OKS ist dabei der Hauptansprechpartner in Deutschland geworden. Über zahlreiche Einrichtungen der „Russischen Welt“ bei MOs Russischsprachiger soll die russische Sprache und Kultur verbreitet werden. Zweisprachigkeit ist ein Vorteil bei Jugendlichen im Alltag und auch im Beruf, der erhalten und gepflegt werden sollte.

Dr. Ekaterina Skakovskaya, Vorstandsmitglied des BVRE, kritisierte im wissenschaftlichen Hauptbeitrag der Tagung, dass die Situation der Russischsprachigen bisher nirgendwo adäquat erforscht wird. Diese Gruppe werde von der Politik ebenso wie von der Wissenschaft weitgehend ignoriert. Geht es um die Beschreibung der Situation bestimmter Gruppen finden sich in Studien stattdessen immer wieder Hilfskonstrukte wie „Aussiedler“ oder „Ausländer mit russischer Nationalität“. Dabei gilt für Russischsprachige vieles von dem, was auch für andere Migranten in Deutschland festgestellt wurde. Eltern füllten ihre Orientierungs- und Vorbildfunktionen nur unzureichend aus. Dies dürfte mit ein entscheidender Grund für die schwach ausgeprägten Übergänge in die Ausbildung und die geringeren Schulerfolge der Jüngeren sein. Die Unterstützung der Eltern könnte also ein Schlüssel sein, um der nächsten Generation entscheidende Integrationshilfen zu geben, sodass sie im Wege der Selbsthilfe erfolgreich ihren Weg gehen können.

Für diese Elternarbeit fehlten aber noch ganz entscheidende Unterstützungsstrukturen, angefangen von geeigneten Förderungen bis zur Qualifizierung von Elterninitiativen. Der neu gegründete Bundesverband russischsprachiger Eltern BVRE hat sich zu Aufgabe gemacht, politisch für diese Ziele zu werben.

Verschiedene Praxisprojekte stellten anschließend ihre Elternarbeiten im Bereich der Berufsorientierung vor. Den Anfang machten Markus Degenkolb und Olga Sperling vom Ausländerrat Dresden e.V., der vor kurzem die Elternarbeit mit Russischsprachigen und anderen Ethnien aufgenommen hat. Julia Merian vom Club Dialog aus Berlin konnte sogar schon auf eine über dreiundzwanzigjährige Beratungspraxis mit Russischsprachigen zurück schauen. Von ermutigenden Beispielen aus der vietnamesischen Community berichtete Hang Thanh Phung vom Verein der Vietnamesen in Dresden e.V. Deutlich wurde hier, dass die Eltern in aller Regel über eine sehr hohe Bildungsorientierung verfügen und der soziale Aufstieg als eine Art „Familienpflicht“ angesehen wird. Dies führte zu einer insgesamt hohen Abiturquote unter den Vietnamstämmigen.

Elena Borisova (von PHOENIX-Köln e.V.) und Olga Sperling (vom Ausländerrat Dresden) machten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den aktuellsten Entwicklungen des Projektes aus Sicht der Koordinatoren als auch aus der Perspektive einer MIGELO vertraut und betonten, dass die Projektfortschritte die Erwartungen weiterhin in vielen Bereichen übertreffen. So ist das Projekt mittlerweile bundesweit in 16 Städten aktiv und hat bisher über eintausendfünfhundert Menschen erreicht. Die Kurse und Seminaren wurden bisher von weit über 100 Migranten besucht, die sich dort zu Multiplikatoren weiterbilden lassen.

In der Fishbowl-Diskussion, an der sich viele aus dem Publikum aktiv beteiligten, wurden vielerlei Themen aus der Praxis der Elternarbeit angesprochen.

-         Erreichbarkeit von Angeboten für die Zielgruppen oft unzureichend

-         Beratungen müssen professioneller werden

-         Eltern können nur positive Vorbilder sein, wenn sie erwerbstätig sind

-         mangelnde Anerkennung von beruflichen Abschlüssen der ersten Generation sendet fatales Signale an die Familien

-         Berufstätige nehmen sich zu wenig Zeit für ihre Kinder

-         Engagement von Eltern fehlt oft, die Politik reagiert dann auch nicht

-         Zusammenarbeit von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen oft schwierig.

Sergej Aruin vom Vorstand des BVRE, und des AVP e.V. in Düsseldorf stellte den Bundesverband russischsprachiger Eltern und dessen Projektpläne für das nächste Jahr vor. Stichworte sind hier: Elementarisierung der politischen Bildung für neue Zielgruppen, Verbesserung der strukturellen Förderung von MO und eine Qualifizierung von Eltern in Projekten.

Wladimir Weinberg, ehrenamtlicher Geschäftsführer des BVRE konnte zum Schluss der Tagung fünf zusätzliche ordentliche Mitglieder plus ein neues Ehrenmitglied im Verband begrüßen.

Markt der Möglichkeiten als Spiegel

Auf einem „Markt der Möglichkeiten“ präsentierte sich wieder die Breite und Vielfalt nicht nur der russischsprachigen Projekte und Organisationen in Deutschland. Es gab ausreichend Gelegenheit, vielfältige Netzwerkkontakte zu knüpfen.

Wie auf dem vorangegangenen Kongress stellten auch dieses Mal über 40 Organisationen, die in Deutschland von russischsprachigen Migranten geführt werden und in den verschiedensten Projekten im Bereich Elternarbeit aktiv sind, sich und ihre Tätigkeiten vor. So entstand ein authentisches Spiegelbild der derzeitigen Situation der Russischsprachigen in Deutschland. Daneben waren aber auch zahlreiche deutsche Projekte und Organisationen vertreten.

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